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Altersgemischte Lerngruppen

Die erste Herausforderung an jeden Unterricht
kommt von der Unterschiedlichkeit der Schülerinnen und Schüler.
Die Idee der leistungshomogenen Klasse von Gleichaltrigen ist eine Fiktion.
Hans Brügelmann

 

Alle Kinder werden in altersgemischten Lerngruppen 1 bis 4 unterrichtet. Sowohl pädagogische als auch didaktische Gründe sprechen für diese Altersmischung:

Individuelle Lernfortschritte werden ermöglicht:
Die Kinder arbeiten in einer vorbereiteten Umgebung mit Freiarbeitsmaterialien, so dass eine Differenzierung nach Lernvermögen, Lernfähigkeit, Motivationslage und Rhythmus ohne Probleme möglich ist. Durch diese gewollte Individualisierung stellen sich Unterschiede heraus, die Lernanregungen bieten und Kreativität, Lernmotivation und die Achtung vor dem Können des Anderen fördern. Besonders begabte Kinder werden in ihrem Wissensdrang nicht gebremst, sondern erhalten durch ältere Kinder und die im Klassenraum vorhandenen Materialien weitere Anregungen. Manche können infolge besonderer Begabungen und Fähigkeiten schon nach drei Jahren auf die weiterführenden Schulen wechseln. Lernverzögerte Kinder können entsprechend ihrem Lerntempo fortschreiten und bei Bedarf ein Jahr länger die Grundschule besuchen. Sie bleiben dabei in ihrer Klasse und müssen nicht die Nachteile des „Sitzenbleibens“ ertragen. So können die Kinder unterschiedlich lange in ihren Klassen verbleiben und sich in ihrem individuellen Tempo die Lerninhalte erarbeiten, ohne dass sie Unterrichtsstoff wiederholen oder überspringen.

Das soziale Lernen wird gefördert:
Individualisierung ist nur dann zu rechtfertigen, wenn jedes einzelne Kind auch das andere als Individuum mit eigenen Wünschen und Interessen achten lernt. Insofern ist Individualisierung nicht ohne Bezug zum Sozialen zu realisieren. Leistungsunterschiede werden in altersgemischten Gruppen leichter akzeptiert. Da einheitliche Leistungsnormen entfallen, werden konkurrierendes Vergleichen und Neid sowie Überlegenheits- und Unterlegenheitsgefühle eher verhindert. Individuelle Lernwege werden ermöglicht und kooperatives Lernverhalten wird gefördert.

Die Vielfalt der unterschiedlichen kindlichen Persönlichkeiten kommt in den altersgemischten Lerngruppen besonders zum Ausdruck und entspricht der natürlichen Lebensumwelt des Kindes. In jahrgangsgemischten Klassen entsteht ein natürliches Helfersystem, das bei den Kindern gegenseitige Achtung und Interesse am Gegenüber entstehen lässt. In altersgemischten Lerngruppen erlebt sich jedes Kind einmal in der Rolle des Kleinen, des Mittleren und des Großen. Dadurch gehören alle einmal zu den Jüngeren, die Hilfe erwarten können, und zu den Älteren, die in der Pflicht stehen, Hilfe zu geben. Kinder unterschiedlichen Alters können gut voneinander lernen. Wird ein älteres Kind von einem Jüngeren um Erklärungen gebeten, so muss es das eigene Wissen nochmals genau durchdenken, analysieren, strukturieren und sich sprachlich präzise ausdrücken. Dadurch sieht es die Dinge selbst klarer und festigt sein Wissen. Jüngere Kinder verstehen Erklärungen ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler oft besser als Erläuterungen der Lehrkräfte, da sie in ihrem Fühlen und Denken, in Sprache, Vorstellungsweise und Ausdrucksvermögen einander näher stehen als Kind und Erwachsener. Ältere Kinder werden durch die Helfer- und Beschützerrolle in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt.

Die Kinder geben einander Lernanregungen und erhalten Impulse zur Ausbildung neuer Interessen. Jüngere Kinder dürfen schon bei den Älteren mitarbeiten, wenn sie dort etwas Interessantes entdecken. Das bewirkt, dass Kinder oft mehr und Anspruchsvolleres lernen, als man ihnen zutraut. Ältere Kinder können ihrerseits bei Lernschwierigkeiten ohne Gesichtsverlust durch die Arbeit mit jüngeren Bekanntes noch einmal üben und Beziehungen pflegen. Auch die Jüngeren werden in ihrem Bestreben, den Älteren nachzueifern, bestärkt und motiviert und erhalten vielseitige Anregungen für ihre sozial-emotionale Entwicklung. 

Bei der Einschulung wird jedem Kind ein Drittklässler-Kind aus seiner Klasse  als Pate oder Patin zur Seite gestellt. Vor den Sommerferien schreibt jedes Kind aus der noch zweiten Klasse einen Brief mit der Einladung zu einem Schul- Schnuppertag an sein zukünftiges Patenkind. Die Auswahl geschieht teils zufällig, manche Kinder kennen aber auch die kommenden Erstklässler durch den Kindergarten oder Geschwister und wählen ihr Patenkind gezielt. Die älteren Kinder kümmern sich liebevoll um ihre Patenkinder und erfüllen ihre Aufgabe mit Stolz und Verantwortungsbewusstsein.

Im Schulalltag bieten sich in altersgemischten Gruppen besonders vielfältige Anlässe zu gegenseitiger Hilfe und Rücksichtnahme sowie zur Entwicklung von Toleranz, gegenseitiger Achtung und solidarischem Umgang miteinander. Die Kinder erfahren Kooperation statt Konkurrenz, lernen sich in ihrer Unterschiedlichkeit zu achten und zu tolerieren und erwerben hohe soziale Kompetenz. Da es in der Altersmischung selbstverständlich ist, verschieden zu sein, lassen sich Kinder mit Beeinträchtigungen und Kinder mit besonderen Begabungen leichter integrieren. Vielfalt wird als Reichtum erlebt. Das Kind wird leichter in seiner Individualität wahrgenommen.

Am Schuljahresende verlassen alljährlich einige Kinder (Viertklässler/innen) die Klasse und eine kleine Gruppe neuer Erstklässler/innen rückt nach, so dass sich das soziale Gefüge nur leicht verändert. Die Grundstruktur bleibt weitgehend erhalten und sorgt für Kontinuität und Stabilität in der Gruppe. Die eingeübten Regeln für das Gemeinschaftsleben werden leicht an Jüngere weitergegeben und von diesen übernommen.

Die Jahrgangsmischung ist somit eine pädagogische Antwort auf die zunehmende Vereinzelung der Kinder in der heutigen Gesellschaft. Die Kinder lernen miteinander und voneinander – sind Lernende und Lehrende. Die Kinder arbeiten über Altersgrenzen hinweg an gemeinsamen Themen, genauso selbstverständlich bilden sich Freundschaften über Jahrgangsgrenzen hinaus.

Die Jahrgangsmischung schließt jedoch nicht aus, dass sich sowohl alters- als auch leistungshomogene Arbeitsgruppen bilden. Nach der dreistündigen Freiarbeit findet darüber hinaus in zwei Lerngruppen 1/2 und 3/4 ergänzender Unterricht (EU) in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Religion statt.